Unsterblich Schön (BR 2010) - Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste, Junggebliebenste und auf ewig Begehrenswerteste im ganzen Land? Die Tote im Schokobad.
Die begehrenswerte Spa-Besitzerin Konstanze wird tot in einem Schönheitsbad aus Schokolade gefunden - sie starb an einem Allergieschock, aber jemand muss eindeutig nachgeholfen haben. Am selben Tag wollte sie ihren Ehemann Andreas verlassen, ein um zwanzig Jahre älteres Model. Ebenfalls am selben Tag erfuhr ihre nicht annähernd so perfekte Schwester Dorothea, dass deren Mann Jürgen eine Affäre hat - und zwar mit Konstanze. Ein kammerspielartiges Familiendrama mit Figuren, die verloren sind in Oberflächlichkeit und der Angst vor Alter und Ablehnung. Mit Tatjana Alexander, Robert Atzorn, Gudrun Landgrebe, Viktoria von Trauttmansdorff, Peter Davor u.v.a. -- Regie: Filippos Tsitos →
"Ein mitreißendes Ensemble-Stück zwischen Krimikomödie, Gesellschaftssatire und Groteske." Nordseezeitung
"Tragisch und komisch ist es, wie die Schönen und Reichen von München hier ihren Kampf gegen das Altern führen, den sie am Ende immer nur verlieren können. Der Regisseur Filippos Tistos und die Drehbuchautorin Stefanie Kremser, die zuvor schon mit "Sechs zum Essen" und „Kleine Herzen“ einige der formal stärksten "Tatort"-Episoden des BR geliefert haben, finden für ihre Parade echter oder vermeintlicher Best-Ager genau den richtigen Tonfall. Die Melancholie über die unwiederbringliche verloren gehende Jugend und die Aggressivität des Anti-Falten-Geschäfts sind fein austariert." taz
"Und was machen Batic und Leitmayr? Sie verhören. Mehr passiert nicht. (...) es gibt ein paar Rückblenden, doch Bewegung entsteht durch die Dialoge. Was da angeboten wird, ist viel. 'Auch Männer haben ihr Verfallsdatum', sagt die Schokoladenfrau anfangs. Der ganze Rest dreht sich um Vergänglichkeit, und das muss man erst einmal aushalten." Süddeutsche Zeitung
"Stefanie Kremser (...) darf man ganze Arbeit bescheinigen: So witzig mit den Klischees von Schönheit und ewiger Jugend zu spielen, dazu gehört etwas." F.A.Z.
"Der spektakulärste Mord in der Tatort-Geschichte!" BILD (wer sonst?)
Unsterblich schön lief auf der Reihe "40 years Tatort - lessons about Germany" im Deutsches Haus at the NYU, New York Dezember 2010.Drehbuchauszug
Wohnung Andreas/Flur Innen/Tag
Andreas macht sich fertig, die Wohnung zu verlassen. Es klingelt. Er blickt zur verschlossenen Türe eines Zimmers am Ende des Flurs, drückt dann auf den Türsummer. Er zieht sich ein Jackett über, hängt sich eine modische Umhängetasche über die Brust, greift nach einem Schlüsselbund. Er öffnet lautlos die Wohnungstür, als Batic und Leitmayr ankommen.
ANDREAS:
(leise)
Ja?
LEITMAYR:
Andreas Lutz?
ANDREAS:
Ja...?
LEITMAYR:
Leitmayr, mein Kollege Batic, wir sind von der Kriminalpolizei...
Leitmayr sieht zu Batic.
BATIC:
Sie sind mit Konstanze Schiller verheiratet?
Andreas nickt schweigend. Er sieht sie fragend an. Dann:
ANDREAS:
Meine Frau schläft noch...
Die Kommissare tauschen einen alarmierten Blick aus.
BATIC:
(behutsam)
Herr Lutz... sie ist tot.
Andreas sieht ihn einen Moment lang verständnislos an. In seinen Augen spiegelt sich Angst.
ANDREAS:
Das muss ein Irrtum sein...
Er geht getrieben durch den Flur, Batic und Leitmayr folgen ihm. Batic bleibt stehen und wirft einen Blick in ein offenes Zimmer:
Wohnung Andreas/Zimmer Andreas Innen/Tag
Es ist ein männlich anmutendes Zimmer - Ledersessel, ungemachtes Bett, herumliegende Klamotten. Ein Schrank steht offen. Zwei Anzüge hängen jeweils an einer Tür - ein schwarzer und ein goldener.
Wohnung Andreas/Flur Innen/Tag
Angespannt beobachten Leitmayr und Batic, wie Andreas vorsichtig die Tür von Konstanzes Zimmer öffnet. Drinnen ist es dunkel.
ANDREAS:
(leise)
Schatz?
Er betritt das Zimmer und wird von der Dunkelheit verschluckt. Alles ist still.
Wohnung Andreas/Zimmer Konstanze Innen/Tag
Andreas steht vor dem Bett. Es ist unberührt. Andreas geht zum Fenster und zieht die Rolläden hoch. Licht dringt durch die Lamellen. Das Zimmer ist wie in einer Hochglanzzeitschrift dekoriert.
ANDREAS:
Um diese Zeit schläft sie doch noch.
Andreas ist schockiert.
LEITMAYR:
(vorsichtig)
Sie müssen doch gemerkt haben, dass Ihre Frau letzte Nacht nicht da war.
Andreas schüttelt wie in Trance den Kopf.
LEITMAYR:
Sie schlafen getrennt?
ANDREAS:
(abwesend)
Ich schnarche.
Er setzt sich auf die Bettkante.
ANDREAS:
Sie ist tot?
BATIC:
Sie wurde heute früh in ihrem Spa gefunden.
ANDREAS:
Was ist passiert?
LEITMAYR:
Wir wissen es noch nicht.
Andreas sieht ihn bestürzt an. Sein Blick wandert zum Sekretär. Leitmayr sieht hin: er wirkt unbenutzt. Andreas sieht zum Nachtschränkchen. Sofort folgt Leitmayr seinem Blick: die Abstellfläche ist leer. Andreas steht, irgendwie stutzig geworden, auf und öffnet die Schublade des Sekretärs. Sie ist leer. Auch die zweite ist leer. Andreas sieht die Kommissare fragend an. Leitmayr öffnet mit einem Finger spaltbreit eine Schranktüre. Sofort kommt Andreas und öffnet sie sperrangelweit: der Schrank ist ebenfalls leer. Er öffnet den nächsten: ein paar Schuhe und Wintermäntel, zwei Hüte. Andreas ist verblüfft, öffnet leere Schubladen im Schrank.
ANDREAS:
Ich verstehe das nicht!
Andreas fehlen die Worte. Er ist vollkommen ratlos.
BATIC:
Wann ist Ihre Frau ausgezogen?
ANDREAS:
Sie ist nicht ausgezogen!
BATIC:
Aber es sieht ganz danach aus, oder?
ANDREAS:
Ich bin doch nicht verrückt...
(geht zur Tür)
Hier -
Wohnung Andreas/Bad Innen/Tag
Andreas öffnet den Spiegelschrank, dabei zählt er auf.
ANDREAS:
Schminke, Parfüm...
Er bricht ab, weil der Schrank so gut wie leer ist: Verbrauchte Cremetöpfchen, ein paar kleine Sammelflakons, ein Kamm.
BATIC:
Herr Lutz, ich habe in der Handtasche Ihrer Frau mehr gefunden als in Ihrem Badezimmer.
Andreas antwortet nicht.
BATIC:
Sind Sie heute Früh nicht im Bad gewesen? Haben Sie nichts bemerkt?
Andreas öffnet die linke einer doppelten Unterschranktür, darin stehen nur seine Sachen.
ANDREAS:
Sie hat die andere.
(Pause)
Warten Sie, sie bewahrt die Cremes im Kühlschrank auf, und die ganzen Vitaminpillen...
Wohnung Andreas/Küche Innen/Tag
Andreas reißt den Kühlschrank auf. Fleisch, Joghurt, Obst, Gemüse. Keine Cremes. Keine Pillen. Nur ein Botox-set.
ANDREAS:
(fast bettelnd)
Das Essen. Das hat sie gestern noch eingekauft.
LEITMAYR:
(trocken)
Immerhin hat sie ihr Botox dagelassen.
ANDREAS:
Das ist für mich.
BATIC:
Und beim Frühstück? Nichts aufgefallen?
ANDREAS:
Ich frühstücke nie.
Alle schweigen einen Moment.
LEITMAYR:
Ihre Frau kam heute Nacht nicht nach Hause. Haben Sie sich da keine Sorgen gemacht?
Andreas schüttelt beinahe unmerklich den Kopf.
LEITMAYR:
Hatten Sie Eheprobleme?
ANDREAS:
Nein! Ich hab nur... ich kam gestern spät heim. Und ihre Tür war zu, da dachte ich, sie schläft.
BATIC:
Wo waren Sie denn?
ANDREAS:
In einer Bar. Gestern war doch Champions League.
BATIC:
Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?
Andreas ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
ANDREAS:
Gestern Mittag. Bei ihrer Mutter.
BATIC:
Haben Sie sie seitdem noch einmal gesprochen?
Andreas schüttelt abwesend den Kopf. Die Kommissare mustern Andreas, der ratlos aussieht.
LEITMAYR:
Was machen Sie beruflich?
ANDREAS:
Ich bin Model.
(verzweifelt)
Wie soll ich das ihrer Mutter sagen?
Leitmayr sieht Andreas skeptisch an.
BATIC:
Wir unterstützen Sie dabei. Wenn Sie möchten.
Andreas geht aufgelöst zum Telefon.
ANDREAS:
Ich ruf erst einmal Ihre Schwester an.
(hilflos)
Oder?